Neubau eines Einfamilienhauses in Niederösterreich
© sedomini[zt] — architecture + design studio
Lage und städtebauliche Situation
Das Grundstück befindet sich am Ortsrand von Breitensee (Gemeinde Marchegg, Bezirk Gänserndorf) in einer agrarisch geprägten Umgebung. Die weitläufige, flache Landschaft des Marchfelds ist charakterisiert durch offene Felder, geringe Bebauungsdichte und ausgeprägte Windverhältnisse – ein klimatisch und atmosphärisch anspruchsvoller Standort, der den Entwurf von Grund auf geprägt hat.
Die Setzung des Gebäudes reagiert bewusst auf diese landschaftliche Eigenheit: Das Haus kehrt der Windseite den Rücken zu und organisiert seine gemeinschaftlichen Bereiche um ein zentral gelegenes, geschütztes Atrium. So entsteht trotz exponierter Lage ein Ort der Ruhe und des Rückzugs, der gleichzeitig den Weitblick in die umgebende Kulturlandschaft kultiviert.
Geometrie und Orientierung
Ein quadratischer Gebäudekörper wird symbolisch aus der Erde gehoben und diagonal zur Sonne geneigt. Diese präzise Neigung verfolgt einen doppelten Zweck: Einerseits wird Tageslicht über eine Dachöffnung tief in das Innere des Hauses gelenkt, andererseits schützt die geneigte Fläche vor den klimatisch prägenden Westwinden. Geometrie und Klimareaktion fallen in diesem Entwurf in einem einzigen, klar lesbaren Baukörper zusammen.
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Atrium als räumliches Herz
Im Zentrum des Hauses befindet sich ein großzügig dimensioniertes Atrium, das als geschützter Innenhof und zentrales Lichtelement fungiert. Alle öffentlichen Bereiche – Wohnen, Essen, Kochen, Spielen – sind direkt an das Atrium angebunden und in einer Endlosschleife erschlossen. Die Wegeführung vermeidet Sackgassen in gemeinschaftlichen Zonen; lediglich private Bereiche wie Schlaf- und Kinderzimmer werden separat erschlossen. Dieses Prinzip schafft eine natürliche Hierarchie zwischen öffentlichem und privatem Leben im Haus.
Trotz hoher Offenheit und Lichtdurchflutung im Inneren zeichnet sich das Haus durch eine bewusste Introvertiertheit
nach außen aus. Es versteht sich als Rückzugsort, der Privatsphäre und Ruhe in den Vordergrund stellt. Die Verbindung zur umgebenden Natur und Landschaft wird auf subtile, gerahmte Weise hergestellt, nicht durch maximale Transparenz, sondern durch kuratierte Ausblicke und die atmosphärische Qualität des zentralen Atriums.
Vielseitige Raumlandschaft
Die geneigte Dachfläche erzeugt unterhalb eine vielschichtige Raumlandschaft: Das Haus bietet zweigeschossige Bereiche, Räume mit Überhöhe, vertikal ausbaubare Flächen sowie eine Terrasse. Diese Heterogenität schafft räumliche Qualität ohne lächenverschwendung und ermöglicht unterschiedlichste Nutzungsszenarien im Verlauf eines Tages und einer Biografie.
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Konstruktion und Materialität
Brettsperrholz (CLT) als Primärstruktur
Das gesamte Tragwerk sowie Wand- und Deckenaufbauten wurden in Brettsperrholz (CLT) ausgeführt. CLT wurde nicht allein aus ästhetischen Gründen gewählt, sondern wegen seiner überzeugenden konstruktiven Eigenschaften, hoher Vorfertigungsgrad, präzise Maßhaltigkeit, kurze Montagezeiten und ein gegenüber konventionellen Baustoffen erheblich reduzierter ökologischer Fußabdruck.
Sichtbares Holz als Gestaltungselement
Im Inneren des Hauses bleibt das CLT in weiten Teilen sichtbar. Holz übernimmt damit nicht nur eine tragende, sondern auch eine raumgestaltende Funktion. Es erzeugt Wärme, Haptik und atmosphärische Qualität, die synthetische Materialien nicht erreichen.
Upcycling von Verschnittmaterial
Eine besondere Qualität dieses Projekts liegt im konsequenten Umgang mit Restmaterial: Aus Verschnitt der CLT -Produktion wurden unter anderem ein maßgefertigter Esstisch sowie eine rund 3 Meter lange Kochinsel gefertigt. Dieses Upcycling-Prinzip ist mehr als ein gestalterisches Detail, es ist eine Haltung gegenüber Ressourcen und Kreislaufwirtschaft, die exemplarisch für zeitgemäßes Bauen steht.
Energie und Nachhaltigkeit
Erdwärme und thermische Aktivierung
Die Wärme- und Kälteversorgung des Hauses erfolgt vollständig über eine Erdwärmepumpe. Der Bodenaufbau wurde als Betonkernaktivierung ausgeführt: Anstelle von konventionellem Estrich und Belag übernimmt ein gezielt dimensionierter Betonaufbau die Funktion des Wärmespeichers. Dieser thermisch träge Aufbau puffert Temperaturschwankungen besonders effektiv, ermöglicht eine gleichmäßige Strahlungswärme im Winter und erlaubt im Sommer eine passive Kühlung des Gebäudes .Das System zeichnet sich durch seine Einfachheit, Langlebigkeit und Wartungsarmut aus. Die Kombination aus erneuerbarer Wärmequelle und thermischer Betonmasse ergibt ein System mit hoher Energieeffizienz und niedrigen Betriebskosten.
Nachhaltige Gesamtstrategie
Das Projekt versteht sich als Beitrag zu einer zeitgemäßen Baukultur, die ökologische Verantwortung und architektonische Qualität nicht als Widerspruch, sondern als wechselseitige Bedingung begreift. CLT als nachwachsender Rohstoff, Erdwärme als regenerative Energiequelle und Upcycling als Materialstrategie bilden zusammen ein kohärentes Nachhaltigkeitskonzept – ohne Kompromisse bei Komfort, Ästhetik oder struktureller Integrität.
Klimaresilienz und ökologische Einbettung
Das Haus versteht sich nicht nur als klimaeffizienter Baukörper, sondern als aktiver Teil seines Mikroklimas. Ein extensives Gründach, das sich über die gesamte geneigte Dachfläche erstreckt, übernimmt dabei eine zentrale Rolle: Es reduziert die sommerliche Aufheizung des Gebäudes erheblich, puffert Niederschlagswasser und trägt zur Kühlung der unmittelbaren Umgebung bei: ein Beitrag, der angesichts zunehmender Hitzeperioden im pannonischen Klimaraum des Marchfelds an Bedeutung gewinnt. Im Inneren des Atriums steht ein Baum. Nicht als dekoratives Element, sondern als funktionaler Bestandteil des klimatischen Konzepts: Im Sommer spendet er Schatten auf die umliegenden Gemeinschaftsräume und kühlt durch Transpiration die Luft im Innenhof. Das Atrium selbst verstärkt diesen Effekt: die von der Geometrie erzeugte Beschattung schützt die angrenzenden Räume vor direkter Sonneneinstrahlung in den Sommermonaten, während im Winter das tief stehende Licht ungehindert über die Dachöffnung eindringen kann.
Harte Schale – weicher Kern
Nach außen hin gibt sich das Haus als harte Schale: geschlossen, wetterfest, der exponierten Windlage des Marchfelds gewachsen. Im Inneren offenbart sich ein weicher Kern – ein warmer, belebter, von Holz und Grün geprägter Raum, der Schutz und Naturverbundenheit in einer untrennbaren Einheit vereint.



