Podcast: Architekten für Architekten – Folge 1 mit Reichel Schlaier Architekten


In unserer allerersten Podcast-Folge sprechen wir mit Elke Reichel und Peter Schlaier über die Arbeit als Architekten. Seit 13 Jahren gibt es das Büro Reichel Schlaier Architekten mit Sitz in Stuttgart.

 

Kapitel in diesem Video:

00:00 Vorstellung Reichel Schlaier Architekten
02:26 Warum seid ihr Architekten geworden?
04:36 Arbeitsalltag und -aufteilung im Büro
05:55 Wie lange dauer ein Projekt?
08:26 Plant ihr eher Um- oder Neubauten?
10:02 Was mögt ihr lieber? Eher Um- oder Neubauten?
11:43 Bei welchen Objekttypen besteht der größte Handlungsbedarf?
15:31 Auf welche Gebäudetypen habt ihr euch spezialisert?
16:50 Auf welches Projekt seid ihr besonders stolz?
19:42 Bei welchen Projekten gab es die größten Hindernisse?
22:38 Wie läuft ein Planungsprozess ab?
24:58 Was könnt ihr angehenden Architekten/innen mitgeben?

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WirliebenBau: Zu Beginn. Ihr seid ja schon lange als Architekten oder auch als Architekturbüro tätig und mich würde jetzt erst mal eure Geschichte interessieren. Erzählt mal ein bisschen was dazu.

Peter Schlaier: Uns gibt es jetzt insgesamt seit 13 Jahren. Also die Elke hat das Büro 2009 gegründet. Wir haben uns beide kennengelernt anfang der Nullerjahre noch im Büro von Günter Behnisch. Dort haben wir zusammen die Projektleitung für das Projekt Ozeaneum in Stralsund gemacht. Und das war so ein bisschen der Gründungspunkt für unser Büro. Elke ist dann schon früher, 2009, bei unserem alten Arbeitgeber raus und hat dann eben das Büro gegründet.

Dann kam ich etwas später dazu und wir hatten dann relativ schnell das Glück über Zufälle an ein recht großes Projekt zu geraten. Das war für die Firma gleich ein ganzes Areal und das war so ein bisschen das, was uns dann so das Startkapital gegeben hat. Als kleine Büros oder als junge Büros hat man oft die Schwierigkeit, dass man in keine Wettbewerbe reinkommt. Dass man eigentlich keine Anfrage kriegt, eigentlich gar nicht weiß, wie man seine Rechnung bezahlen soll.

Und das war der Anfangspunkt dessen, was wir gemacht haben. Und dann sind wir eigentlich so mehr oder weniger an unterschiedlichste Aufträge gekommen, meistens über Wettbewerbe. Dadurch haben wir uns noch nicht wirklich auf eine bestimmte Bauaufgabe oder auf eine bestimmte Art von Bauen spezialisiert.

Wir haben jetzt eigentlich querbeet alle möglichen Typologien schon durch: von der Kirche über die Kita, vom Boden bis zum Wohnheim, vom Bürobau bis zum Museum. Und sind da jetzt mittlerweile schon auch seit 12/13 Jahren tätig. Machen es mit viel Freude und schauen positiv gestimmt in die Zukunft.

Elke Reichel: Also das finden wir auch ziemlich gut, dass wir so ganz unterschiedliche Sachen bauen. Das hat sich halt irgendwie so ergeben, wie es in den meisten Büros sicherlich auch so ist. Die einen machen viel Schulbau, die anderen hauptsächlich Holzbau. Und bei uns hat es sich eben ergeben, dass wir fast keine Aufgabe doppelt gemacht haben. Und das spornt uns immer wieder an, wirklich auch in neue Aufgaben neu rein zu denken und sich wirklich grundsätzlich zu fragen: Was ist da wichtig, worum geht es.

WirliebenBau: Klingt auf jeden Fall sehr spannend und sehr vielfältig, wenn ihr quasi in jedem Bereich tätig seid. Und dann jetzt natürlich die Frage: Wann seid ihr denn das erste Mal mit Architektur in Berührung gekommen? Was hat euch dazu bewogen Architekten zu werden?

Elke Reichel: Ja, das ist gar nicht immer so einfach sich rückblickend zu überlegen, was war eigentlich der Punkt? Ich kann mich erinnern, irgendwann mal stand fest: Architektur soll es werden. Obwohl man natürlich vorher keine Ahnung hatte, was da auf einen zukommt.

Also für alle, die hier vielleicht zuhören und noch nicht wissen, was sie werden sollen: Es ist nicht so schlimm, wenn sie sich das nicht so richtig vorstellen können. Ging uns genauso und irgendwann rutscht man da rein und merkt schon: Okay, das macht Spaß, es ist vielfältig.

Man muss aus unterschiedlichen Bereichen Dinge können und man ist eigentlich wirklich von Anfang an so Generalist. So nennen wir das immer. Also das heißt, man hat mit unterschiedlichsten Sachen zu tun. Man muss sehr große Entscheidungen treffen, man muss sehr viele Dinge einbeziehen, man muss wirklich logisch denken können.

Man muss wirklich gucken, was ist wichtig im großen Kontext. Und das macht wirklich viel Spaß, wenn man immer wieder gerne auch einen Schritt von der Detailarbeit zurücktreten und sich wirklich überlegen kann, worauf kommt es an und was ist hier eigentlich wichtig in dem Bereich?

Peter Schlaier: Aber wir sind jetzt beide nicht die, die schon im Sandkasten wussten, dass wir Architekten werden wollen. Das kam relativ spät. Es kam über ein Praktikum in der Nachbarschaft, nachdem ich nicht so genau wusste, wie es den meisten nach dem Abi geht, was mache ich denn jetzt eigentlich?

Da schliddern ja viele in so eine halbe Sinnkrise und bei mir war es ähnlich. Und dann bin ich irgendwie per Zufall an ein Architekturbüro geraten und habe dann da damals auch noch mit der Hand mitgezeichnet und bin dann so langsam in den Beruf reingerutscht. Aber es war jetzt nicht biografisch vorgezeichnet.

WirliebenBau: Also noch nicht im Sandkasten die schönsten Häuser gebaut?

Wenn man anfängt zu studieren, im Einführungskurs, dann fragen die Betreuer natürlich: Was hat euch denn zum Studium gebracht? Und es waren viele dabei, die gesagt haben: Ja schon als Kind. Aber es ist glaube ich gar nicht schlecht, wenn man nicht vorbelastet ist. Dann geht man etwas entspannter ins Berufsleben rein, als wenn man da schon die Vorstellungen hat, wie es denn sein muss.

WirliebenBau: Und ich habe auf eurer Homepage gesehen, dass ihr ja auch weitere Mitarbeiter bei euch im Büro habt. Wie darf ich mir denn so einen typischen Arbeitsalltag vorstellen? Was für Aufgaben habt ihr und wie sind diese unter euch verteilt?

Elke Reichel: Ja, das ist eigentlich gar nicht so einfach, wie man das aufteilt. Es ist immer die Frage: Wie groß ist ein Büro und wie arbeitsteilig ist es? Natürlich stellt man sich vor, dass man vom ersten Strich bis hin zur Betreuung der Baustelle alles macht. Und es ist wahrscheinlich auch so, dass, was oben drüber steht, wo man auch mal denkt: Es wäre gut, wenn man das alles auch wirklich im Detail könnte. Vom ersten Strich bis zum Schluss.

Aber letztendlich ist man ja auch nicht, sag ich mal, immer für alles beauftragt. Das heißt, diese Projekte kommen oft in Schritten, dass man erst mal nur einen Entwurf machen oder dann irgendwann auch das Projekt umsetzen muss. Das ist aber schon fünf Jahre später, wo vielleicht der jeweilige Mitarbeiter gar nicht mehr da ist oder inzwischen was anderes macht.

Das heißt, man versucht natürlich schon, dass die Mitarbeiter ein Projekt so lang wie möglich betreuen, weil natürlich ganz viel Wissen drinsteckt, was man nirgendswo runterschreiben kann. Das ist so das übergeordnete Ziel. Aber natürlich ist es auch so, dass jeder seine Schwerpunkte hat und jeder unterschiedliche Dinge vielleicht besser oder nicht so gut kann. Oder auch mag. Und von daher muss man immer wieder neu korrigieren und wirklich auch überlegen: Wer macht das jetzt am besten?

WirliebenBau: Wie lange darf ich mir vorstellen dauert ein Projekt bzw. ein ProjektZeitraum? Ich denke mal, dass das bestimmt bei jedem Projekt auch unterschiedlich ist. Aber wie lang ist die Zeitspanne von Beginn eines Projektes bis zum Ende?

Peter Schlaier: Interessanterweise sind Projekte gar nicht so unterschiedlich lang, egal ob es ein Einfamilienhaus ist oder ein Projekt mit 30 Millionen Bausumme. Das hat irgendwie was mit den Genehmigungszeiträumen zu tun. Und wie so Prozesse laufen auch auf der Baustelle. Aber ich würde sagen, man beginnt so bei eineinhalb bis zwei Jahren, so vom ersten Bauherrenkontakt bis zum fertigen Gebäude. Das ist sozusagen aber die schnellstmögliche Variante und unser aktuell längst laufendes Projekt ist, da haben wir den Auftrag Anfang 2018 bekommen und sehen optimistisch der Fertigstellung in 2024 entgegen. Also das gibt es auch. Je größer und komplexer die Projekte werden, desto länger dauern die auch. Das ist glaube ich etwas, wenn man jetzt studiert, was man auch einfach mit in Betracht ziehen muss.

Also wenn man jetzt in Richtung Marketing zum Beispiel geht, wie viel kürzer es dort ist. Beim Architekten sind es zum Teil Extrembeispiele: Flughäfen oder Bahnhöfe. Also die Leute, die jetzt am Stuttgarter Bahnhof sitzen, die haben schon jetzt so langsam ihr 25. Projektjahr. Aber ich würd sagen, unter zwei Jahre kaum. Wenn es Messebau ist, ist es etwas anderes. Innenarchitektur, so klassisch Hochbau – geht so bei zwei Jahren los,

Elke Reichel: Aber das heißt, dass man sich so richtig drauf einlassen kann, dass man wirklich auch eine ganze Zeit daran arbeitet. Und das ist natürlich auch ein wichtiger Teil im Leben. Also so ein Projekt, das so lange geht, macht man ja dann nicht Hunderte von, sondern man macht halt ein paar hintereinander. Und dann ist es natürlich auch schön, dass man so das Gefühl hat, da kann ich mich jetzt richtig hineinbegeben und richtig auf die Suche gehen nach den Lösungen, die ich dafür brauche.

Und ja, es geht nicht so schnell, zack, zack, sondern es ist wirklich etwas, wo man wirklich gucken muss. Zum Schluss steht da letztendlich ein Gebäude – das steht dann da, das steht dann 100 Jahre vielleicht, wenn man Pech hat nur 20, aber vielleicht auch länger. Und diese Verantwortung, die man damit trägt, das ist natürlich wichtig, dass man da auch Dinge sich gut überlegt und die Details dann auch wirklich forciert.

WirliebenBau: Das auf jeden Fall. Muss auch alles gut durchdacht sein. Genau und dann jetzt unter euren ganzen Projekten oder die vielleicht jetzt ja auch noch dann bald anstehen: Plant ihr eher Neubauten oder seid ihr eher in dem Bereiche Sanierung/Umbauten?

Peter Schlaier: Beides. Also unser aktuell größtes Projekt ist ein großes Bauprojekt: das Meeresmuseum in Stralsund. Das ist ein Kloster aus dem 13./14. Jahrhundert. Und da ist ein relativ großer Umbauanteil. Wir machen aber auch klassisch Neubauten. Also das ist je nachdem, wie gesagt, man kann sich als Architekt ja auch die Projekte nicht so auswählen, sondern man hofft halt darauf einen Auftrag zu bekommen. Und darüber entsteht eigentlich der Projektschwerpunkt. Wir machen beides.

Elke Reichel: Beim Projekt in Stralsund ist es natürlich so: Wenn man weiß, das gibt es schon viele Jahrhunderte dieses Gebäude, dann weiß man ja auch, dass man auch nur ein Teil davon bearbeitet.

Das heißt, die Baumeister und Architekten vor uns haben ja auch immer schon ihre Spuren hinterlassen. Wir fügen wieder ein Stück dazu und danach kommen wieder andere, die das weiter umbauen. Und das ist schon eine sehr interessante Erfahrung, weil man daraus ja auch weiß, dass man mit viel Verantwortung und auch mit einer gewissen Demut drangehen muss, nicht zu viel zu zerstören und trotzdem selbstbewusst und zeitgemäß zu agieren. Und ich meine, die Umbaumaßnahmen werden immer mehr auf uns zukommen. Wir sollten nicht mehr so viel neu bauen aus Nachhaltigkeitsgründen, um eben diese Prozesse des stetigen Abriss und Neubaus auch wirklich zu durchbrechen. Das heißt Umbauten oder im Bestand zu arbeiten wird ein ganz großer Schwerpunkt werden. In Kürze für alle.

WirliebenBau: Und was persönlich mögt ihr lieber: eher Umbauten oder eher Neubau?

Beide: Kann man nicht so sagen.

Elke Reichel: Wichtig ist, dass das Projekt irgendwie interessante Parameter hat. Das das einen herausfordert. Das man sich was dazu überlegen kann. Das es nicht langweilig ist. Dass nicht nur abgefordert ist, dass man Standard macht, sondern dass abgefordert ist, dass man sich wirklich was überlegt und mit dem, was man macht, auch so einen wirklichen Schritt in eine Richtung geht, wo man sagt, es hat was gebracht. In welchem Bereich auch immer. Und da ist es unabhängig davon, ob es ein Neubau oder Bestandsbau ist.

Peter Schlaier: Es ist auf jeden Fall definitiv ein anderes Entwerfen. Der Kontext ist einfach unmittelbarer. Also wenn ich einen Neubau mache in der Baulücke, habe ich auch mit Kontext zu tun – eben meine Nachbarn. Aber bei einem Umbau bin ich ja direkt im Gefüge drin. Und was wir jetzt oder was ich jetzt weiß, also wir sind ja auch beide auch in der Lehre tätig. Und was ich jetzt merke: wir haben in der Lehre jetzt über, also bis vor zwei Jahren, den Umbau komplett ausgeblendet.

Man kann sagen, da wurde fast nur an den Hochschulen und Universitäten über den Neubau gelehrt und das ändert sich jetzt auch. Und es ist interessant zu beobachten, wie dann plötzlich die Studierenden wieder in so einen Anfängerstatus zurückgeworfen werden. Wenn man eben schon drei Jahre studiert hat und macht dann so den ersten Umbau als Projekt, wie schwer sich da viele tun. Es ist, glaube ich, einfach ein ganz anderes Entwerfen, ein ganz anderes Herangehen. Das muss man schon sagen. Also es ist nicht das Gleiche. Das ist was völlig anderes.

WirliebenBau: Und bei den ganzen Objekttypen, die es so gibt, also zum Beispiel Bildungsbau, Wohnungsbau. Bei welchen davon seht ihr den größten aktuellen Handlungsbedarf und deckt sich das irgendwie mit eurer aktuellen Auftragslage ab?

Peter Schlaier: Na ja, die Politiker würden sagen Wohnungsbau, das ist wahrscheinlich auch die Realität. Das ist wahrscheinlich die Aufgabe für die nächsten 10, 15, 20 Jahre. Es deckt sich aber nur in Teilen damit. Wir sind kein klassisches Wohnungsbaubüro.

Also ich rede jetzt nicht von dem, was so veröffentlicht wird, sondern das, was man so sieht, was so landauf landab gebaut wird von den Bauträgern zu dieser DurchschnittsProjektentwicklung. Das wird meist eben in einem Kontext gemacht, wo wenig über Architektur gesprochen wird. Architekturbüros sind auch oft nur bis zu dem Bauantrag überhaupt verantwortlich. Dann wird es vom Bauträger übernommen.

Da wird so die große Masse gebaut. Und da in die Richtung sehen wir uns irgendwie nie. Haben wir erstens nie irgendwie einen Fuß in die Tür gekriegt und so richtig wirklich interessiert hat es uns ehrlich gesagt auch gar nicht. Es gibt in Deutschland im Vergleich zu anderen benachbarten Nationen wenig qualitätsvollen Wohnungsbau. Das liegt an der Art und Weise, wie es betrieben wird. Und das, was dann mal gut ist, ist es nicht. Das sind so die Eisbergspitzen, die aus dem Wasser ragen. Das wäre wahrscheinlich tatsächlich die Aufgabe, dass man sagt, wir müssen gesamtgesellschaftlich das Thema anders angehen. Wir müssen die Aufgabe anders begreifen, wir müssen auch die Prozesse anders  steuern.

Also da aber dadurch, dass da oft wenig zu holen ist für Architekten – inhaltlich qualitätsmäßig -, sind wir da auch gar nicht so sehr tätig. Weil auch wenig irgendwo Wettbewerb läuft. Vieles wird einfach direkt beauftragt

Elke Reichel: Also wir leiden immer, wenn so viel gebaut wird, wo man sagt, das ist eigentlich nicht wirklich gut geworden. Das ist leider viel und gerade das Thema Wohnungsbau ist natürlich die Frage. Alle schreien nach neuem Wohnungsbau. Aus Nachhaltigkeitsgründen sollten wir nicht so viel neu bauen. Warum gibt es dann in vielen kleineren Städten so wahnsinnig viel Leerstand von wunderschönen Häusern?

Und warum kriegt man das nicht hin, das wirklich anders zu sehen? Und das ist eben das, wie ich vorhin gesagt habe, man muss zwei Schritte zurückgehen und sich grundsätzlich überlegen: Was heißt das eigentlich? Kann man das nicht besser verteilen? Wie kann man eben das fördern, dass an Orten, wo es so viel Wohnraum gibt, wo wir die sowieso schon haben, die auch total schön sind, aber vielleicht nicht gut angebunden? Wie kann man das regeln, als in den Ballungsgebieten wirklich noch auf dem letzten Meter dann wieder neu zu bauen?

Und wenn Neubau, dann glaube ich, sollte sowas in hoher Qualität gemacht werden. Nicht formal in hoher Qualität, also nicht unter dem Aspekt: Es sieht jetzt gut aus, sondern einfach inhaltlich. Und im Wohnungsbau, glaube ich, ist hier Potenzial. Es wird immer noch gebaut. Im Durchschnitt die Zweizimmerwohnung nach dem Grundrisstyp, den es seit 50 Jahren gibt. Und für die unterschiedlichen Aspekte des Lebens, wie die Menschen heute zusammenleben, gibt es viel Wohnraum einfach auch nicht. Der Bedarf ist, glaube ich, ein ganz anderer als der Durchschnitt von 1, 2, 3-Zimmerwohnungen ist. Es braucht große Wohnungen, es braucht Wohnungen für Senioren, die vielleicht anders leben als alleine.

Die Gesellschaft hat andere Anforderungen als der Wohnungsmarkt abbildet. Und ich glaube, da ist viel Potenzial, da anders ranzugehen ist und es vielleicht auch besser zu machen.

WirliebenBau: Und ihr hattet das ja schon in eurer Vorstellung kurz angerissen, auf was ihr euch so spezialisiert habt. Könnt ihr da noch mal näher darauf eingehen, was genau für Gebäudekategorien ihr behandelt?

Peter Schlaier: Also wie gesagt, so ziemlich alles, was man sich vorstellen kann außer Krankenhäuser. Also wir haben jetzt die letzten Jahre zum Beispiel Verwaltungsbauten gebaut. Wir haben ein Museum gerade noch in der Mache mit dem Meeresmuseum. Wir haben eine Kirche gebaut, ein StudierendenWohnheim. Wir haben Wohnbau gemacht, wir haben Umbauten zu Wohnbau gemacht.

Wir bauen gerade eine Schule. Also nahezu alles. Wir haben eine Brücke gebaut, eine Doppelgarage. Also so ziemlich alles, was man sich vorstellen kann. Es gibt wirklich keinen tatsächlichen Schwerpunkt. Es gibt natürlich herausfordernde Aufgaben, komplexere Aufgaben. Und die beschäftigen uns dann im Büro auch gedanklich mehr. Aber im Prinzip machen wir eigentlich alles. Aber auch nicht bewusst, sondern es hat sich halt so entwickelt.

WirliebenBau: Und gibt es ein Projekt, was ihr bisher gemacht habt, auf das ihr besonders stolz seid. Wo ihr sagt, es ist wirklich ein Herzensprojekt?

Elke Reichel: Ist ja gar nicht immer so einfach.

Peter Schlaier: Komischerweisewir sind in die Öffentlichkeit geraten über eine Doppelgarage, die quasi aus RecyclingBrettern zusammen genagelt wurde. Das war ein Projekt, welches Elke gemacht hat, bevor ich ins Büro kam. Es ist jetzt auch schon zwölf Jahre alt. Es wird aktuell immer noch darüber diskutiert. Das war ja damals einfach Restholz von dem Hersteller, aus dem sich eben der Bauherr mithilfe seines Bruders, der an dem Unternehmen gearbeitet hat, selber eine Garage zusammen genagelt hat.

Und das Gute daran ist, es wird ja vieles über Upcycling gesprochen und über Wiederverwenden von Baustoffen. Man muss schon auch aufpassen, dass die Architektur nicht unter die Räder kommt, also dass es eben dann nachher irgendwie vorbildlich ist in der Verwendung alter Materialien. Und das ist das Schöne an dem Projekt, dass aus diesem Upcycling eigentlich eine wirklich schöne Materialität entstanden ist. Ein Haus, das man sich auch heute noch angucken kann. Es ist halt nur eine Garage, aber es hat eine gewisse Dauerhaftigkeit.

Elke Reichel: Also heute hätte man die Begriffe Reuse. Damals hat man es umschrieben: man hat Holzbretter genommen. Und ein anderer Punkt, der ja heute auch wahnsinnig im Vordergrund steht, ist die Frage: Wie baut man zusammen? Was versteht man unter demokratischem Bauen? Wie können sich Gemeinschaften bilden, die zusammen etwas bewirken? Und da war dieses Projekt auch eigentlich ganz groß mit dabei, weil es ein Gemeinschaftsprojekt war.

Also sowohl der Bauherr als auch der Konrad Scheffler, der es gebaut hat, also auch die Firma, schafften es dann quasi und haben uns das Material und die Mittel zur Verfügung gestellt. Alle haben zusammen angepackt. Jeder hat seinen Teil eingebracht. Jeder hat auch sein Wissen und seine Entscheidungen eingebracht und zusammen ist das Ding entstanden.

Und das sieht man mit dem Abstand jetzt dieser 13 Jahre ja auch noch mal ganz anders, weil man das Gefühl hatte: ja genau, eigentlich muss es so gehen und damals ist es zufällig auch so geworden.

WirliebenBau: Ein schönes Gemeinschaftsgefühl dann auf jeden Fall. Gab es dann auch viele Projekte, wo es besonders große Hindernisse oder die größten Herausforderungen gab? Und was für eins war das dann speziell?

Elke Reichel: Also das gibt es eigentlich bei jedem Projekt. Das ist eigentlich unser Job, große Hindernisse zu lösen und es geht damit los, dass man die Baugrube aushebt und dort Sachen findet, die einen erst mal zwei Jahre zurückwerfen. Es geht damit los, dass es schwierig wird, die Baugenehmigung zu bekommen, aus welchen Gründen auch immer. Es im Moment sehr, sehr schwierig, überhaupt an den Punkt zu kommen. Es geht weiter damit, dass das Geld eigentlich nie reicht. Dass ist natürlich auch ein großes Hindernis, weil man natürlich dann entscheiden muss, gemeinsam mit dem Bauherrn oder der Bauherr entscheidet, wo wird gespart und manchmal die richtigen und manchmal auch die nicht so richtigen Entscheidungen trifft.

Und bis hin dazu, dass es dann Schwierigkeiten gibt in der Umsetzung, dass Firmen abspringen oder man rechtliche Auseinandersetzungen hat. Also bis zum letzten Tag, bis zur Eröffnung, bis dann wirklich das Glas  gehoben wird und die Tür aufgeschlossen wird und der Schlüssel übergeben wird und man das Gefühl hat: Oh Gott, jetzt war es fünf Jahre lang unser Projekt und jetzt muss man den Schlüssel abgeben und morgen kommen wir nicht mehr rein. Bis dahin ist es eigentlich ein Problemlöser-Job, den wir haben.

Peter Schlaier: Das ist das Wesen des Berufes.

Elke Reichel: Muss man da auch Spaß dran haben, zu sagen, ich muss das knacken. Ich muss Lösungen finden und nicht gleich beim ersten Problem deprimiert sein und sagen: Okay, das wird niemals. Also immer wieder aufstehen und sagen: Ich mach jetzt weiter und es ist eine Herausforderung. Und ich lerne dabei.

WirliebenBau: Am Ende ist man dann ja auf sich stolz, weil dann sieht man, was man geleistet hat und man hat ein weiteres Projekt realisiert und dann kann man quasi direkt mit dem nächsten starten.

Peter Schlaier: Ja, meistens braucht man dafür etwas Abstand. Also wenn man im kreativen Prozess drinsteckt, muss man immer, also entweder man geht Kompromisse ein oder man trifft vielleicht auch Entscheidungen, die man vielleicht etwas später anders getroffen hätte.

Und man kann es nicht revidieren, weil es ist ja ein Prototyphaus. Das ist dann halt irgendwann gebaut und dann ist es so und dann am Anfang sieht man nur die Dinge, die man dann doch vielleicht lieber anders gemacht hätte.

Also es gibt auch Architekten, die tun sich unglaublich schwer, eigene Gebäude anzugucken. Dieses Zufriedenheitsgefühl stellt sich meist mit etwas Zeitabstand ein. Ja, wenn man dann wieder schafft, das große Ganze zu sehen und nicht die kleinen Problemchen, die natürlich an jeder Ecke irgendwie lauern.

Elke Reichel: Wir sagen es gibt zwei wichtige Tage in dem Projekt. Der wichtigste Tag oder der erste wirklich berührende Tag ist, wenn die Baugrube ausgehoben ist. Und der zweite ganz berührende Tag ist, wenn man den Schlüssel abgibt und das Gefühl hat: Oh Gott, jetzt übergebe ich es und es war ja doch irgendwie unseres und am Morgen komme ich nicht mehr.

WirliebenBau: Diese Spannung bleibt auf jeden Fall. Und dann bei so einer kompletten Planung/ Planungsprozess wie fängt sowas an? Wo beginnt man da? Und habt ihr da einen gewissen Ansatz, den ihr verfolgt bei einem Planungsprozess?

Elke Reichel: Also im Prinzip ist es ja ganz klar festgelegt, wie man der Reihe nach vorgeht. Zu Beginn steht ja immer erst mal die Entwurfsidee oder die Frage: Wie setze ich das, was sich der Bauherr wünscht, um? Das ist der erste Schritt. In einem Wettbewerbsverfahren ist es so, dass man das schriftlich bekommt und sich dann erstmal alleine überlegt, bis das große Ganze eingerückelt ist, bis die Grundrisse passen und bis der Entwurf steht. Dann gibt man ab und dann gewinnt man oder nicht.

Und wenn man direkt im Auftrag ist, das ist ja auch ein Weg, den man gemeinsam mit dem Bauherrn geht. Aber so zu Beginn ist es ja immer so: Man bekommt eine Liste mit Räumen, die man unterbringen muss und die baurechtlichen Anforderungen, die sich aus dem Städtebau ergeben. Und dann muss man quasi eine Gesamtlösung erarbeiten, die alles versucht richtig zu machen, was die Anforderungen von außen und von innen sind.

Und sobald das steht, geht ein ganz klarer Prozess los, wo man immer detaillierter werden muss. Das ist ja auch festgelegt. Das ist der Vorentwurf, das ist dann der Entwurf. Dann reicht man den Bauantrag ein und irgendwann macht man die Details dazu und die Ausführungsplanung. Dieser Prozess ist logisch aufgebaut, aber der startet eben mit dem Entwurf. Schwierig wird es dann, wenn sich in diesem Prozess immer wieder große Änderungen ergeben.

Dass man sich, nachdem man eigentlich schon sehr weit ist, so ganz grundsätzliches ändert. Dann wird es immer schwierig. Aber wenn man das eigentlich logisch durchgehen kann, dann muss man natürlich immer versuchen, so nah wie möglich an dieser Ursprungsidee, an dem Ursprungskonzept zu bleiben, um das eben nicht zu verwässern, wo es oft auf dem Weg genug Stellen gibt, wo man auch irgendwie abzweigen könnte. Aber das ist quasi das große Ziel.

WirliebenBau: Also gab es auch den Fall, wo man dann auch mal wieder einen Schritt zurückgeht, dass man sagt okay, jetzt muss der Entwurf vielleicht doch noch mal in die angepasst werden.

Elke Reichel: Gibt es eigentlich immer wieder

WirliebenBau: Spannend auf jeden Fall. Und das bringt mich ja schon tatsächlich zur letzten Frage, und zwar jetzt für alle angehenden zukünftigen Architektinnen und Architekten. Was könnt ihr denen mitgeben? Habt ihr Tipps? Und wie die vielleicht sich darauf vorbereiten können? Auf diesen Beruf?

Peter Schlaier: Also wenn ich noch studiere oder wenn ich jetzt anfange zu arbeiten?

WirliebenBau: Sowohl als auch und als auch.

Peter Schlaier: Also jetzt mal zunächst mal für die Berufsanfänger habe ich einen relativ eindeutigen Tipp: Versucht in ein Büro reinzukommen, wo es euch ermöglicht wird, ein Projekt mal komplett mitzubegleiten. Von den ersten Anfängen bis zum fertigen Gebäude. Weil es euch einfach dann in die Lage versetzt, den Gesamtprozess zu verstehen und auch das zu verstehen, was man auf dem Weg machen muss. Weil letztlich endlich weiß man ja, es sind Arbeitsunterlagen für andere.

Also die werden dazu verwendet, dann irgendwann damit zu bauen. Und man versteht am Anfang oft nicht, was ich da welche Schritte wann mache und welche Informationen, ich wann man sammeln muss, damit dann irgendwann auf der Baustelle tatsächlich auch gebaut werden kann. Und das klappt nicht immer. Und ich glaube, man sollte eben darauf achten, bei der Bürowahl oder bei der Berufswahl, dass man eben die Möglichkeit hat, so einen Prozess mal komplett mitzuverfolgen. Und im Studium, glaube ich, ist es wichtig, dass man seinen Horizont weitet und möglichst viel aufsaugt an Dingen, die mit Architektur zu tun haben.

Also das heißt viel selber reisen, viele Projekte selbst anschauen. Nicht alles über Instagram und Pinterest, weil das einfach verzerrte Bilder sind. Mittlerweile wird halt auch die Architekturgotografie “gephotoshoppt”. Das ist halt oft, wenn man die Gebäude in Realität anguckt, dass die gar nichts damit zu tun, was auf dem Bild zu sehen ist.

Man versteht auch das Konzept nicht, versteht nicht, ob das Gebäude räumlich funktioniert. Also einfach sich Sachen anschauen und dann nebenher auch jobben. Ganz wichtig und gucken, dass man da in die guten Büros kommt, weil es einfach dann auch den Horizont weitet.

Also jetzt nicht, weil man irgendwie aus “XYingen” kommt, dann da im örtlichen Büro schon das Vorpraktikum machen und dann irgendwie bis zur Masterthesis dort zu bleiben, sondern gucken, dass man mal so ein bisschen reinschnuppert in unterschiedliche Büros. Einfach um möglichst viel zu erleben. Wenn man dann als Architekt arbeitet, sind die Chancen halt einfach eingeschränkter, in unterschiedliche Bereiche einfach einen Einblick zu bekommen.

Elke Reichel: Ja, ich würde sagen, ich finde es ist ein toller Beruf. Also für alle, die damit liebäugeln, würde ich sagen: Probiert es aus. Es ist ein Beruf, wo man noch nicht so richtig weiß, was auf einen zukommt. Also eine gewisse Abenteuerlust gehört auch dazu. Und ich glaube, man muss dem offen begegnen. Also man muss Lust drauf haben. Man muss Lust drauf haben, Dinge zu lernen, aber nicht sozusagen nur auswendig zu lernen, sondern wirklich zu verstehen, große Zusammenhänge zu verstehen.

Und das macht wirklich Spaß. Und man muss sich auch die Zeit nehmen zu sagen, dass dauert Jahre, man lernt nie aus. Das ist nicht so, dass man das nach einem Jahr dann kann und sagt: Jetzt kann ich das mit Architektur und es hört nie auf. Wir können es auch nicht. In gewisser Weise nicht. Und ich glaube, wenn man da die Lust drauf hat, wirklich zu sagen: Ich schaffe etwas, was dann da steht, was wirklich gebaut wird.

Auch mit diesen Prozessen, die wir jetzt beschrieben haben, sich auseinanderzusetzen, dann macht es wirklich Spaß. Aber auch diese Offenheit, neue Dinge kennenzulernen und auch wirklich quasi Erfahrungen zu reflektieren, dass ist glaube ich ganz wichtig.

Und es ist nicht zwingend erforderlich, dass man in jedem einzelnen Fach total super ist und nur das 1.0 Abi hat. Ich glaube, dass ist vielleicht nicht so die Voraussetzung, aber man muss ein breites Wissen haben. Man muss Lust haben Wissen wirklich auch aufzusaugen und sich Dinge anzugucken, seine eigene Meinung zu reflektieren. Und ja, dann kann es eigentlich nicht schiefgehen.

WirliebenBau: Und jetzt noch aus eigenem Interesse. Wie lange dauert so ein Architekturstudium?

Peter Schlaier: Also Vorgabe sind fünf Jahre, zwei-drei Jahre Bachelor und zwei Jahre Master. Es gibt manche Schulen, die machen vier Jahre Bachelor und ein Jahr Master. Aber eigentlich, durch Bologna ist ja alles reglementiert worden, dauert es fünf Jahre. Ist es aber nicht verboten, ein bisschen länger zu studieren. Also wir gucken jetzt Ich spreche jetzt auch für die Kollegen in den anderen Büros – wir gucken jetzt nicht darauf, wie lange jemand studiert hat, sondern was hat jemand gemacht. Und das Studium ist der Zeitraum größtmöglicher Freiheit im Leben. Vorher hat man Schule, danach hat man Job und dann irgendwann Familie.

Und das sollte man auskosten. Und wenn man da 1, 2, 3 Semester länger braucht, weil man vielleicht noch ein Praktikum drangehängt oder ein Auslandssemester irgendwo macht, dann schadet es nicht. Aber es ist rein vom Studium her zehn Semester

WirliebenBau: Ja cool, auf jeden Fall spannend. Ja, das war es dann ja schon. Es ist halt auch echt ein spannendes Thema und es hat mich auf jeden Fall gefreut. Ich kann mich eigentlich nur bedanken und hoffe ich, dass ihr heute nicht noch einen allzu stressigen Tag habt. Viel Spaß und viel Erfolg bei euren Projekten.

Beide: Vielen Dank

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