Wohnhauserweiterung, Vorarlberg, Österreich

Sinn und Sinnlichkeit

© Dominic Kummer

POTENZIAL IM DAZWISCHEN

Auch im ländlichen Vorarlberg, trotz der besten Bautraditionen, wachsen die Ortschaften teilweise unkontrolliert: Die Zersiedlung schadet der Landschaft, führt zu einer ineffizienten Nutzung der Landreserven und schafft charakterlose, schlecht erschlossene Orte.

Für Architekt Lukas Mähr ist das Bauen von Einfamilienhäusern auf grünen Wiesen außerhalb der Siedlungsgebiete nicht zeitgemäß. Für zukunftsorientiertes Bauen setzt er sich auch als Partner des Energieinstituts Vorarlberg ein, das Beratungen für Bauinteressierte anbietet und subventioniert.

Architektinnen, Bauphysikerinnen und weitere Fachleute stehen bei den ersten, wichtigsten Fragen im Bauprozess zur Seite: Was ist das Potenzial der Immobilie und welche Ausbaumöglichkeiten gibt es? Was bedeutet eine energetische Sanierung und was sind die Kosten? Meistens kommen Menschen, die eine sanierungsbedürftige Immobilie geerbt haben. Im typischen Fall handelt es sich um ein Siedlungshaus aus den 60er bis 80er Jahren mit etwas Umschwung.

Staatssubventionen für Sanierungen haben die Verdichtung der Einfamilienhausgebiete vorangetrieben. Lukas Mähr unterstreicht immer wieder das enorme Potenzial der Verdichtung auf privaten Parzellen: «Viele Eigentümer:innen stehen hilflos vor ihrem Haus und wissen nicht, was getan werden muss. Die meisten unterschätzen den Kostenaufwand. Das Energieinstitut Vorarlberg leistet eine Art von Erster Hilfe beim Bauen – das macht die Beratungseinsätze für mich so sinnvoll und erfüllend.» Lukas Peter Mähr, MWArchitekten

Das Programm stand fest: mehr Platz für die Familie. Gewünscht wurden neben dem Elternschlafzimmer und den Nasszellen zwei Kinderzimmer, eine ausreichend große Wohnküche, ein separater Wohnbereich sowie zwei kleine Büros für das Homeoffice.

Die Wohnung der Familie befindet sich im Erdgeschoss eines Dreiparteienhauses, das am Ortsrand an einer stark befahrenen Straße liegt. Die Position des Anbaus auf der Parzelle ist einerseits durch den Grundriss des Bestands bestimmt, andererseits definiert das neue Volumen den hochwertigen Gartenraum und schützt ihn vor Strassenlärm. Das abstrakte Volumen mit seiner geschlossenen Straßenfassade vermittelt zwischen dem traditionellen Wohnhaus und den Industriegebäuden der Umgebung.

«Die Dachpyramide, auf der Baustelle liebevoll ‚Haifischflosse’ getauft, verleiht dem Gebäude einen unverwechselbaren Charakter. Dank ihrer besonderen Form wird der Anbau zu einem Objekt, auf das man als Hausbesitzer stolz sein kann.» Lukas Peter Mähr, MWArchitekten

Das längliche Baukörpervolumen verläuft parallel zur südlichen Parzellengrenze, die von einer in die Jahre gekommenen Betonmauer gefasst wird. Diese schirmt zwar den Blick auf einen angrenzenden Parkplatz ab – auf unkonventionelle Weise durchaus reizvoll –, schränkt jedoch den direkten Sonnenlichteinfall deutlich ein.

Vor diesem Hintergrund suchte Lukas Mähr nach einer Gestaltungsstrategie für einen bewusst introvertierten Wohnraum. Den Blick nach oben, zum Himmel, zu lenken, lag für ihn nahe. Der Architekt wohnt selbst unter einem Dachfenster und hat bereits zahlreiche in seinen Projekten eingesetzt. Parallel dazu entwickelte die Bauherrschaft unabhängig ähnliche Vorstellungen.

So entstand die Dachpyramide, die den zunächst rein rationalen Anbau in echte Architektur überführt.

STARKE KONTRASTE Das dunkle, schlichte Volumen fällt unter den vielen typischen Häusern der Gegend auf. Für Lukas Mähr kam es nicht in Frage, den Stil vergangener Jahre zu imitieren, und auch nicht direkt an das alte Haus anzubauen. Das entsprach dem Wunsch der Familie nach einem modernen Wohnbereich, der im Kontrast zu den gemütlichen Schlafräumen im Altbau stehen wird. Aus verschiedenen Material- und Farbkombinationen wurden eine dunkle Fassade und ein damit kontrastierende helle Räume gewählt. Die dunkle Blechbedeckung des Daches ist optisch eine Weiterführung der Fassadenverkleidung. So wird das Haus zu einem uniformen Volumen, das sich von den umliegenden Wohnhäuser absetzt.

© siehe Bilder

„Weiterbauen. Architektur im Bestand" - 24. November 2026 in Stuttgart

Das Projekt von Lukas Peter Mähr zeigt exemplarisch, worum es beim Bauen im Bestand heute geht: nicht um das Verdrängen des Vorhandenen, sondern um das kluge Weiterdenken.

Diese Haltung, aus dem Bestand heraus Neues entstehen zu lassen, steht auch im Mittelpunkt unserer Veranstaltung „Weiterbauen. Architektur im Bestand” am 24. November 2026 in der Architektenkammer Baden-Württemberg in Stuttgart (und online).

Gemeinsam mit Kim Le Roux (LXSY), Kerstin Müller (Zirkular), Philipp Bilke (Studio Baukunst) und Tabea Huth (TU München) diskutieren wir, wie behutsame Sanierung, mutige Transformation und intelligente Nachverdichtung zur Zukunftsaufgabe unserer Städte, Quartiere und Dörfer werden.

VELUX ist ein globales Unternehmen, das auf der Vision von Tageslicht, frischer Luft und Lebensqualität gegründet wurde – drei Merkmale, die das Leben in Millionen von Häusern und Wohnungen auf der ganzen Welt vervollkommnen.

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